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1. EINLEITUNG
Canada,
Land in Nordamerika, grenzt im Norden an das Nordpolarmeer, im Osten an den
Atlantischen Ozean, im Süden an die Vereinigten Staaten von Amerika, im Westen
an den Pazifischen Ozean und den US-Bundesstaat Alaska.
Canada ist nach Russland zweitgrößtes Land der Erde. Die
Gesamtfläche beträgt 9 970 610 Quadratkilometer, wovon etwa
acht Prozent auf Binnengewässer entfallen. Das größte zusammenhängende
Wassergebiet stellt der kanadische Anteil an den Großen Seen dar. Die
Nord-Süd-Ausdehnung des Landes beträgt 4 600 Kilometer; von West
nach Ost erstreckt es sich über 5 500 Kilometer. Cape Columbia auf
der Ellesmere-Insel ist mit 83°6' Nord nördlichster Punkt des Landes. Der
südlichste Punkt liegt bei 41°41' Nord im Eriesee. Von der Grenze zu
Alaska bei 141 Grad westlicher Länge erstreckt sich Canada nach Osten bis
52°37' West auf der Insel Neufundland. Das Staatsgebiet umfasst zahlreiche
Inseln; die meisten davon gehören zum Kanadisch-Arktischen Archipel. Die
gesamte Inselwelt Canadas hat eine Fläche von annähernd 1,5 Millionen
Quadratkilometern, wovon die Baffin-Insel knapp ein Drittel einnimmt.
Das nordamerikanische Land
ist in zehn Provinzen (Alberta, British Columbia, Manitoba, Neufundland, New
Brunswick, Nova Scotia, Ontario, Prince Edward Island, Quebec und Saskatchewan)
und drei direkt der kanadischen Bundesregierung unterstellte Territorien
(Northwest Territories, Yukon Territory und Nunavut) gegliedert.
2. LAND
Entsprechend seiner Größe ist Canada überaus vielgestaltig.
Die 243 790 Kilometer lange Küstenlinie ist durch zahlreiche
Landvorsprünge und Buchten stark gegliedert. Neufundland ist die größte
kanadische Insel im Atlantischen, die Vancouver-Insel die größte im
Pazifischen Ozean. Zahlreiche Inseln befinden sich auch in der Hudsonbai.
2.1. Physische
Geographie
Canada gliedert sich in mehrere naturgeographische Räume. Neben
dem Kanadisch-Arktischen Archipel im Norden des Landes sind dies der Kanadische
Schild, die Appalachen, die Tiefländer um die Großen Seen und den
Sankt-Lorenz-Strom, die Inneren Ebenen (Interior Plains) und die
Nordamerikanischen Kordilleren. Während der jüngeren Erdgeschichte waren weite
Teile Canadas von mächtigen Inlandeismassen bedeckt, wodurch die Oberfläche
des Landes nachhaltig überformt wurde. Nach dem Abschmelzen dieser Eismassen
sammelte sich das Schmelzwasser in den Becken und Senken und bildete zahlreiche
Seen.
Nahezu die Hälfte des Landes wird vom Kanadischen Schild
eingenommen, der sich halbkreisförmig um die Hudsonbai von der Halbinsel
Labrador im Südosten bis zum Großen Bärensee im Nordwesten ausdehnt. Dieses
geologisch alte Gebiet ist aus präkambrischen, mehrere Milliarden Jahre alten
Gesteinen (vor allem Granit, Gneis und Schiefer) aufgebaut und durch
Gletschertätigkeit stark glazial überformt. Die flachwellige Plateaulandschaft
ist in weiten Teilen 200 bis 600 Meter hoch und erreicht nur in Labrador
Höhen um 1 500 Meter. Der Westrand dieser alten Landmasse wird von
ausgedehnten mittelkanadischen Seen markiert. Auch große Teile der kanadischen
Inselwelt im Nordpolarmeer gehören zu diesem Naturraum.
Der Osten des Landes setzt sich aus den Appalachen und den
Tiefländern um die Großen Seen und den Sankt-Lorenz-Strom zusammen. Die
Appalachen sind ein stark abgetragenes Rumpfgebirge, das sich bis Neufundland
erstreckt, größere Höhen aber nur in den Vereinigten Staaten erreicht. Die
Tieflandregion umfasst ausgedehnte Ebenen, die intensiv landwirtschaftlich
genutzt werden.
Die Inneren Ebenen bilden die nördliche Fortsetzung der Great
Plains der Vereinigten Staaten. Ihre West-Ost-Erstreckung erreicht an der
Südgrenze Canadas 1 000 Kilometer und nimmt nach Norden auf
400 Kilometer ab. Nach Westen steigt das Gebiet in Schichtstufen bis etwa
1 500 Meter an. Die Böden der Inneren Ebenen sind überaus fruchtbar.
Im Westen Canadas erheben
sich die Nordamerikanischen Kordilleren als Teil des ausgedehnten,
erdgeschichtlich jungen Kordillerensystems, das sich von der Südspitze
Südamerikas bis nach Alaska erstreckt. Der kanadische Anteil der
Nordamerikanischen Kordilleren hat eine durchschnittliche Breite von
800 Kilometern und besteht aus der östlichen Kette der Rocky Mountains,
intramontanen Plateaus und den pazifischen Küstengebirgen. Höchster Berg der
Ostkette ist mit 3 954 Metern der Mount Robson. Zehn weitere Gipfel
erreichen Höhen von mehr als 3 500 Metern. Die intramontane
Plateauregion wird von Flusstälern gegliedert. In der Küstenkordillere erhebt
sich der Mount Logan, mit 5 959 Metern der höchste Gipfel des Landes.
2.2. Flüsse
und Seen
Canada ist ein überaus seenreiches Land. 31 Seen besitzen
eine Fläche von mehr als 1 300 Quadratkilometer. Zu den größten
Seen gehören Großer Bärensee, Großer Sklavensee, Winnipegsee, Athabascasee
sowie die Großen Seen, durch die mit Ausnahme des Michigansees, der ganz auf
dem Gebiet der Vereinigten Staaten liegt, die Grenze zum südlichen Nachbarland
verläuft. Der Anteil Canadas an der Gesamtfläche der Großen Seen beträgt
37 Prozent. Die bedeutendsten Flüsse sind der Mackenzie (mit dem Peace
River), der dem Nordpolarmeer zufließt, der Sankt-Lorenz-Strom, der das Gebiet
der Großen Seen entwässert und über den Sankt-Lorenz-Golf in den Atlantischen
Ozean mündet, und der Nelson (mit dem Saskatchewan), der in die Hudsonbai
fließt.
2.3. Klima
Aufgrund der hohen geographischen Breite und der Größe der
Landmasse ist das Klima in weiten Teilen Canadas kontinental geprägt mit hohen
Temperaturschwankungen im Jahresverlauf. Im Norden herrschen arktische bis
subarktische klimatische Bedingungen. Das Fehlen höherer von West nach Ost
verlaufender Gebirgszüge ermöglicht vor allem in Mittel- und Ostcanada das
Vordringen arktischer Luftmassen bis weit nach Süden. Nur in den südlichsten
Landesteilen ist das Klima gemäßigt. Allgemeines Kennzeichen des kanadischen
Klimas sind lange, schneereiche Winter, in denen die Temperaturen -30 °C
unterschreiten können, und kurze, mitunter heiße Sommer. Durch maritime
Einflüsse sind die Temperaturen der pazifischen Küstenregion milder als in
Gebieten gleicher Breitenlage im Landesinneren. Auch im atlantischen
Küstenbereich dämpfen ozeanische Einflüsse die Temperaturextreme und führen
zu ausgeglichenerem Klima.
Im Einflussbereich des Atlantischen Ozeans liegen die
Jahresniederschläge bei 1 000 bis 1 500 Millimetern; zum
Landesinneren nehmen sie auf 300 bis 500 Millimeter ab. Die den
niederschlagsbringenden Westwinden ausgesetzten Westhänge der Küstenkordillere
erhalten wegen ihrer Stauwirkung mit 6 000 Millimetern extrem hohe
Jahresniederschläge, während die Leeseite relativ trocken ist. Eine
klimatische Besonderheit der Hochgebirgsregion ist der Chinook, ein warmer
Fallwind an der Ostseite der Rocky Mountains, dessen Auftreten oft zu rascher
Schneeschmelze führt.
2.4. Flora
und Fauna Im Landesinneren sind die
Vegetationseinheiten gürtelförmig angeordnet. Von Süden nach Norden sind dies
borealer Nadelwald, Waldtundra und Tundra. Im Südosten Canadas wächst unter
atlantischem Einfluss Laubwald mit Ahorn (dem Flaggensymbol des Landes), Eichen,
Ulmen, Eschen, Linden und Hickorys als Hauptbaumgattungen. Nach Norden nimmt der
Anteil an Nadelbäumen beständig zu, bis der Übergang zum Nadelwaldgürtel
erfolgt. Westlich der Großen Seen schließen an die Laub- bzw. Mischwaldregion
Prärien und Grassteppen an. Im Westen Canadas beeinflusst die Höhenlage das
Pflanzenwachstum maßgeblich. Auf den niederschlagsreichen Westflanken der
Gebirge gedeihen dichte Wälder mit Tannen, Fichten und Zedern, während in der
intramontanen Plateauregion Kiefer die Hauptbaumgattung ist. Der Gürtel des
borealen Nadelwaldes erstreckt sich in einem weiten Bogen von Neufundland bis
ins nördliche Alaska und hat eine Breite von nahezu 1 000 Kilometern.
Diese Vegetationseinheit umfasst vorwiegend Fichten, Tannen und Kiefern. Nach
Norden geht der Nadelwald in die Waldtundra über, ein Gebiet mit lichteren
Baumbeständen. Auf dem nördlichen Festland und den südlichen Inseln der
arktischen Inselwelt gedeiht Tundrenvegetation mit Zwergsträuchern, Kräutern,
Gräsern und Moosen. Die jährliche Vegetationsperiode ist auf den wenige Monate
dauernden Zeitraum beschränkt, in dem der Dauerfrostboden auftaut. Der
nördliche Teil des Kanadisch-Arktischen Archipels ist weitgehend
gletscherbedeckt und damit nahezu vegetationsfrei.
Die Tierwelt Canadas ähnelt
der von Nordeuropa und Nordasien. In den Laub- und Mischwäldern des Südostens
leben Wapitis (nordamerikanische Rothirsche), Elche, Schwarz- und Braunbären
(zur letzteren Art gehören die Grizzlys). Die Grasländer des südlichen
Landesinneren bieten Lebensraum für Bisons und Kojoten. In den Gebirgsregionen
des westlichen Kanada gibt es neben Wapitis, Elchen und Bären auch Luchse,
Pumas und Schneeziegen. Der boreale Nadelwaldgürtel ist das Verbreitungsgebiet
kleinerer Säugetiere wie Füchse, Marder und Biber. Waldtundra und Tundra sind
Hauptlebensraum von Karibus, Moschusochsen, Polarfüchsen und Lemmingen. An den
arktischen Küsten leben Walrosse, andere Robbenarten und Eisbären.
Die einheimische Tier- und
Pflanzenwelt steht in zahlreichen Nationalparks und Naturreservaten unter
Schutz. Größtes Schutzgebiet ist der 45 000 Quadratkilometer große
Wood Buffalo Nationalpark, in dem zahlreiche vom Aussterben bedrohte Arten
vertreten sind. Bemerkenswert ist der Bisonbestand mit etwa
6 000 Tieren.
3. BEVÖLKERUNG
Kanada ist ein klassisches Einwanderungsland und weist eine
große ethnische und kulturelle Vielfalt auf. Etwa ein Drittel der
Gesamtbevölkerung ist britischer oder irischer Abstammung, 28 Prozent sind
Nachkommen französischer Einwanderer. Amtssprachen sind Englisch und
Französisch. Die überwiegende Mehrheit Französisch sprechender Einwohner lebt
in der Provinz Quebec, wo Frankokanadier 78 Prozent der Bevölkerung
stellen. Außerdem leben in Kanada Nachfahren von Einwanderern aus vielen
anderen europäischen Ländern wie Deutschland, Italien, Polen, der Niederlande
und der Ukraine. Während der letzten Jahre erfolgte eine verstärkte
Zuwanderung von Asiaten, vor allem aus Indien, Vietnam und Hongkong. Der Anteil
indianischer Ureinwohner an der Gesamtbevölkerung liegt nur noch bei etwa zwei
Prozent, steigt aber gegenwärtig an. Die Angehörigen der knapp
600 Indianerstämme leben über das gesamte Land verteilt, während die
etwa 30 000 Eskimo überwiegend im Norden ansässig sind.
Die Einwohnerzahl Kanadas beträgt 31,3 Millionen (2000).
Die Bevölkerungsdichte liegt bei 3,1 Einwohnern je Quadratkilometer.
Siedlungsschwerpunkt ist ein etwa 300 Kilometer breiter Gürtel entlang der
Grenze zu den Vereinigten Staaten im Südosten Kanadas. 62 Prozent der
Landesbevölkerung leben in den Provinzen Ontario und Quebec. Weite Teile im
Nordwesten des Landes sind nahezu menschenleer.
3.1. Wichtige
Städte
Mit 77 Prozent ist der Anteil der Stadtbevölkerung sehr
hoch (1998). Toronto, eine Hafenstadt am Ontariosee und ein bedeutendes
Produktionszentrum, ist mit 4,68 Millionen Einwohnern größte Stadt des
Landes. Die Einwohnerzahl der Handelsmetropole Montreal beträgt
3,44 Millionen, und auch Vancouver ist mit 2,02 Millionen Einwohnern
Millionenstadt.
Weitere größere Städte sind die Hauptstadt Ottawa
(1,06 Millionen), Edmonton (929 100) und Calgary
(933 700 Einwohner).
3.2. Religion
87 Prozent der Bevölkerung sind Christen
(47 Prozent Katholiken, 40 Prozent Protestanten). Besonders stark ist
die katholische Glaubensgemeinschaft mit einem Anteil von 88 Prozent in der
Provinz Quebec. Größte protestantische Glaubensgruppen sind Anglikaner und
Anhänger der Vereinigten Kanadischen Kirche. Außerdem leben in Kanada Muslime,
Hindus und Anhänger weiterer kleiner Glaubensgemeinschaften. 8 Prozent der
Bewohner sind konfessionslos.
4. BILDUNG
UND KULTUR
Das kanadische Bildungssystem liegt im Zuständigkeitsbereich der
Provinzen und orientiert sich an britischem und amerikanischem, in der Provinz
Quebec vorwiegend an französischem Vorbild. Die Schulen in den direkt der
kanadischen Regierung unterstellten Territorien werden von dieser ebenso
verwaltet, wie die Bildungseinrichtungen für Indianer und Eskimo.
Unterrichtssprachen sind Englisch und Französisch. Aufgrund der dünnen
Besiedlung und der englisch-französischen Gegensätze bildete sich keine
einheitliche Nationalkultur. Die Einwanderer aller Volksgruppen und
Nationalität konnten ihr kulturelles Erbe bewahren. Vermischung
unterschiedlicher Strömungen führte vor allem in Großstädten zum Phänomen
der multikulturellen Gesellschaft. Das Land bietet zahlreiche
Sehenswürdigkeiten wie Museen und historische Stätten.
4.1. Bildung
und Schulwesen Es besteht eine allgemeine
Schulpflicht von 10 Jahren (1998); der Unterricht ist kostenlos. In Kanada
gibt es 69 Universitäten mit knapp 600 000 Studenten, die für
den Hochschulbesuch geringe Gebühren entrichten müssen. Größte Universität
ist die Université de Québec mit etwa 72 000 Studenten. Weitere
Bildungszentren sind Toronto, Vancouver und Montreal.
4.2. Kultureinrichtungen
Vor allem in den größeren Städten gibt es
zahlreiche Museen. Zu den international bekanntesten gehören das Canadian
Museum of Civilization (in Quebec), das Canadian Museum of Nature und das
National Museum of Science and Technology (beide in Ottawa). Größte Bibliothek
des Landes ist die National Library in Ottawa mit einer Sammlung von
14,5 Millionen Büchern und Zeitschriften.
Die bedeutendsten Theater und
Konzertsäle befinden sich in Ottawa, Quebec, Montreal und Toronto. Das National
Arts Center in Ottawa und die Canadian Opera in Toronto zählen zu den
renommiertesten Bühnen des Landes. Bekannt ist Kanada auch für seine
Freiluftveranstaltungen wie das Stratford Shakespeare Festival in Ontario. Das
kulturelle Erbe der Einwanderer wird beim Ukrainian Festival in Dauphin und bei
den Highland Games in Nova Scotia dargestellt.
4.3. Medien
Fernsehen und Rundfunk werden von der öffentlich-rechtlichen
Canadian Broadcasting Corporation (CBC) und mehreren privaten Stationen
betrieben. Die 107 Tageszeitungen erreichen eine Gesamtauflage von etwa
5 Millionen (1996). Auflagenstärkste Zeitung ist der Toronto Star mit
530 000 Exemplaren. Neben englischen und französischen Zeitungen
werden auch Zeitschriften in den Sprachen von etwa 20 weiteren Volksgruppen
verlegt.
5. VERWALTUNG
UND POLITIK
Nach der Verfassung von 1982 ist Kanada eine föderalistisch
strukturierte, parlamentarische Monarchie innerhalb des Commonwealth of Nations.
Die Verfassung betont die Eigenständigkeit des Landes und beseitigt jegliche
Eingriffsmöglichkeit Großbritanniens in kanadische Angelegenheiten. Ein
wichtiges Element des Gesetzeswerkes ist der Schutz der Rechte der Ureinwohner.
Die zehn Provinzen haben eigene Regierungen und Parlamente und verfügen über
weitgehende Selbstbestimmung. Die drei Bundesterritorien sind direkt der
Zentralregierung unterstellt.
5.1. Exekutive
An der Spitze der kanadischen Regierung steht der
Premierminister, der vom Generalgouverneur ernannt wird. Premierminister und
Kabinett sind dem Parlament verantwortlich.
5.2. Legislative
Die gesetzgebende Gewalt liegt beim
Zweikammerparlament, das sich aus dem Senat (mit maximal 112 vom
Generalgouverneur ernannten Vertretern der Provinzen) und dem Unterhaus (House
of Commons mit 301 – davon 75 aus der Provinz Quebec – vom Volk nach dem
Mehrheitswahlrecht gewählten Mitgliedern) zusammensetzt. Bei der Gesetzgebung
wirken beide Kammern zusammen.
5.3. Judikative
Die Rechtsprechung orientiert sich am britischen, in
der Provinz Quebec am französischen Vorbild. Höchste juristische Instanz ist
der Oberste Gerichtshof (Supreme Court) in Ottawa, der sich aus dem Vorsitzenden
und acht weiteren Richtern zusammensetzt. Die Provinzen besitzen eigene
Gerichte.
5.4. Politik
Das politische Geschehen wird von zwei großen
Parteien bestimmt, der Liberal Party (Liberale Partei, LP) und der Progressive
Conservative Party (Fortschrittlich-Konservative Partei, PCP). Beide lösten
sich wiederholt in der Führung der Regierung ab. Während die Konservativen
Verfechter der freien Marktwirtschaft sind, setzen sich die Liberalen für eine
Modifizierung der Marktwirtschaft durch staatliche Sozialgesetze ein. Der Bloc
Québécois (BQ) ist als Abspaltung der Konservativen auf Quebec beschränkt
und vertritt die Autonomie dieser Provinz. Die New Democratic Party (NDP)
ist sozialdemokratisch orientiert, die Reform Party (RF) konservativ.
6. WIRTSCHAFT
Kanada war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch ein typisches
Agrarland, zählt inzwischen aber zu den höchst industrialisierten Staaten der
Erde. Das produzierende Gewerbe verarbeitet vorwiegend die ergiebigen Rohstoffe,
die Land- und Forstwirtschaft, Fischerei und Bergbau liefern. Die Wirtschaft des
Landes wird durch die engen Verflechtungen mit den USA gekennzeichnet. Jedes
Land ist der wichtigste Handelspartner des anderen. Das kanadische
Wirtschaftspotential ist regional sehr unterschiedlich verteilt. Das
Bruttoinlandsprodukt beträgt 580 623 Millionen US-Dollar (1998).
6.1. Landwirtschaft
Der Agrarsektor stellt das Rückgrat der kanadischen Wirtschaft
dar. Hauptanbauprodukt ist Weizen, der vorwiegend in den Provinzen Alberta,
Manitoba und Saskatchewan kultiviert wird. Diese Region zählt zu den
ausgedehntesten Weizenanbaugebieten der Erde und liefert 16 Prozent der
weltweiten Weizenproduktion. Etwa drei Viertel der Ernte werden exportiert,
womit Kanada nach den USA größter Weizenexporteur ist. Weitere Anbauprodukte
sind Gerste, Mais, Kartoffeln, Raps, Zuckerrüben, Obst (vor allem Äpfel),
Tabak und Sojabohnen. Milchviehwirtschaft in größerem Umfang wird in den
Provinzen Quebec und Ontario betrieben, Viehzucht außerdem in Alberta. Auch die
Pelztierzucht hat sich zu einem rentablen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Vor
allem in den nördlichen Landesteilen gibt es zahlreiche Nerz- und Fuchsfarmen.
Zudem werden Biber, Kojoten und Sattelrobben wegen ihrer Felle gejagt.
6.2. Forstwirtschaft
und Fischerei Etwa 26,5 Prozent der
Landesfläche sind waldbedeckt (1995), 90 Prozent davon befinden sich in
Staatsbesitz. Kanada zählt zu den weltweit größten Produzenten von Holz und
Holzerzeugnissen. Mehr als 150 Baumarten wachsen in den Wäldern. Rund
80 Prozent des Bestands sind Nadelhölzer wie Fichten, Douglasien und
Zedern.
Die Gebiete vor der
kanadischen Küste sind überaus ergiebige Fischgründe. Besonders mit
Thunfisch, Kabeljau, Schellfisch, Makrele und Hummer werden hohe Fangquoten
erzielt. Darüber hinaus wird Fischfang (vor allem Lachs) in den Seen und
Flüssen betrieben.
6.3. Bergbau
und Energie
Kanada verfügt über ein großes Rohstoffpotential. Bis auf
wenige Erze wie Chrom und Mangan werden alle für die Industrie benötigten
Rohstoffe gefördert. Bei einigen Bodenschätzen wie Nickel, Kupfer, Blei, Zink,
Asbest, Platin, Gold und Silber gehört Kanada zu den bedeutendsten
Förderländern. Darüber hinaus ist es weltweit führender Uranproduzent. Auch
bei fossilen Energieträgern wie Erdöl und Erdgas gibt es vor allem in Alberta
überaus reichhaltige Vorkommen.
Kanada ist weitgehend
unabhängig von Energieimporten. Die Energieversorgung beruht vorwiegend auf
Erdöl und Erdgas. Daneben spielt die Energieerzeugung durch Wasserkraftwerke
eine wichtige Rolle, während die Bedeutung der Kohle als Energieträger
rückläufig ist. In den Provinzen Quebec und Neufundland wird fast der gesamte
benötigte Strom in Wasserkaftwerken erzeugt.
6.4. Industrie
Die wichtigsten Produktionszweige sind Maschinen-
und Fahrzeugbau, Erdölverarbeitung, Elektrotechnik, Textil- und
Papierindustrie, Herstellung von chemischen Erzeugnissen sowie die Verarbeitung
von Holz und Nahrungsmitteln. Die bedeutendsten Industriestandorte liegen in den
Provinzen Ontario, Quebec und British Columbia.
6.5. Währung
und Außenhandel Offizielle Währung des Landes ist
der Kanadische Dollar (kan $) zu 100 Cents (c). Aufgrund der
vergleichsweise geringen Bevölkerung ist Kanada die einzige der führenden
Industrienationen, die sich nicht auf einen intensiven Inlandsmarkt stützen
kann. Somit kommt dem Export eine bedeutende Rolle zu. Das Land zählt zu den
führenden Welthandelsnationen. Etwa drei Viertel des Außenhandels sind auf die
USA ausgerichtet; weitere wichtige Handelspartner sind Japan und
Großbritannien. Ausgeführt werden vor allem Fahrzeuge, Maschinen, Papier,
Erdöl, Erze, Holz und Getreide. Hauptimportgüter sind Maschinen,
Stahlprodukte, optische und chemische Erzeugnisse sowie Nahrungs- und
Genussmittel.
6.6. Verkehrswesen
Das Verkehrsnetz ist nur in den südlichen
Landesteilen dicht. Nur wenige Straßen und Bahnlinien führen in den Norden des
Landes. Insbesondere für den Gütertransport besitzt die Eisenbahn noch eine
bedeutende Rolle. Eisenbahnen trugen in hohem Maß zur Erschließung Westkanadas
bei. Das gesamte Schienennetz umfasst 69 677 Kilometer, das
Straßennetz 901 903 Kilometer. Der fast 8 000 Kilometer
lange Trans-Canada Highway ist die längste nationale Straße der Erde; er quert
Kanada in westöstlicher Richtung von der Vancouver-Insel bis Neufundland.
Wichtigster Binnenschifffahrtsweg ist der Sankt-Lorenz-Seeweg, der über eine
Strecke von 3 800 Kilometern die Großen Seen mit dem Atlantischen
Ozean verbindet. Die wichtigsten internationalen Flughäfen befinden sich in
Toronto, Vancouver, Calgary, Montreal und Edmonton. Weite Gebiete in Nordkanada
sind nur mit dem Flugzeug erreichbar.
6.7. Tourismus
Der Fremdenverkehr ist ein wichtiger Zweig der
kanadischen Wirtschaft. 90 Prozent der Besucher kommen aus den USA. Ein
hoher Anteil entfällt auf Geschäftsreisende, was die engen wirtschaftlichen
Beziehungen zwischen beiden Ländern widerspiegelt. Urlauber werden vor allem
von der vielgestaltigen Landschaft angezogen. Bevorzugte Ziele sind die
Nationalparks im Westen des Landes, die Niagarafälle im Südosten sowie die
Städte Montreal, Quebec und Vancouver. 1999 kamen fast 20 Millionen
Besucher aus dem Ausland nach Kanada.
7. GESCHICHTE
Die Geschichte Kanadas, eines klassischen Einwanderungslandes,
wurde nachhaltig durch die Konflikte unterschiedlicher ethnischer Gruppen
geprägt.
7.1. Ureinwohner
Gegen Ende des Eiszeitalters vor etwa
20 000 Jahren überquerten asiatische Völker die Beringstraße, die
damals noch die Landverbindung zwischen Asien und Amerika bildete, und
verbreiteten sich in Nord-, später auch in Südamerika. Diese Völker waren die
Vorfahren der Indianer und Eskimo, die bis ins 16. Jahrhundert die einzigen
Bewohner dieses ausgedehnten Landes waren. Die Siedlungen, die Wikinger zu
Beginn des 11. Jahrhunderts an der Ostküste errichtet hatten, bestanden
nur kurze Zeit.
7.2. Erschließung
durch Europäer
Die Landung des Venezianers Giovanni Caboto an der Küste der
Halbinsel Labrador auf der Suche nach einer Nordwestpassage für den Seeweg nach
Indien im Jahr 1497 inspirierte europäische Seefahrer zu weiteren
Erkundungsreisen. 1534 drang der Franzose Jacques Cartier ins Landesinnere vor
und nahm das Gebiet um den Sankt-Lorenz-Strom für Frankreich in Besitz.
Frankreich dehnte seinen Einfluss in der Folgezeit aus, und 1608 wurde die Stadt
Quebec gegründet. Durch weitere Siedlungsgründungen konnte Frankreich
schließlich die strategisch wichtige Verbindung zwischen Sankt-Lorenz-Strom und
Mississippi herstellen.
7.3. Rivalität
zwischen England und Frankreich
Die französische Expansionsphase war von Auseinandersetzungen
mit englischen Kolonisten begleitet, die im Lauf des 18. Jahrhunderts
eskalierten. Die Engländer hatten im 17. Jahrhundert die Neuenglandstaaten
gegründet und später Teile Ostkanadas bis zur Hudsonbai besetzt. Die wachsende
Einwanderung verstärkte den Druck der Siedler auf die dünn besiedelten, aber
gut gesicherten französischen Kolonialgebiete. Die Spannungen zwischen beiden
Kolonialmächten eskalierten im Siebenjährigen Krieg (1756-1763), der in Europa
seinen Ausgang nahm, aber auch nach Nordamerika hineingetragen wurde. Im 1763
geschlossenen Frieden von Paris musste Frankreich seinen gesamten kanadischen
Kolonialbesitz an das siegreiche Großbritannien abtreten.
7.4. Unter
britischer Herrschaft
Da sich das vorher französische Quebec hinsichtlich Sprache und
Rechtsprechung deutlich von den anderen britischen Besitzungen unterschied,
wurde 1774 der Quebec Act erlassen, der den katholischen Frankokanadiern
besondere Rechte zusicherte. Die Gewährung der Religionsfreiheit, die
Übernahme französischer Rechtsgrundsätze und die Beibehaltung der Verfassung
sicherten die innere Stabilität in Quebec und die Loyalität seiner Bewohner
während des Nordamerikanischen Unabhängigkeitskrieges (1775-1783). Er endete
mit der Unabhängigkeit der USA, das alle Gebiete südlich der Großen Seen
erhielt. Nach Kriegsende wanderten Zehntausende Amerikaner, die auf britischer
Seite gekämpft hatten, nach Kanada ein. Nachdem der Zuzug weiterer Siedler aus
dem Süden angehalten hatte, waren zwei nach Kultur und Religion
unterschiedliche Siedlungszentren entstanden. Die Neuankömmlinge machten
politische Ansprüche geltend, und Großbritannien kam diesen Forderungen nach.
1791 wurde der Constitutional Act erlassen, ein Verfassungsgesetz, das Quebec in
das überwiegend französische Unterkanada und das weitgehend englischsprachige
Oberkanada einteilte. Die Grenze zwischen beiden Gebieten bildete der Ottawa
River. Ober- und Unterkanada hatten einen eigenen Gouverneur. Nationale
Spannungen und wirtschaftliche Gegensätze führten zu Auseinandersetzungen, die
jedoch schnell beendet werden konnten. Im Krieg zwischen den USA und
Großbritannien griffen Amerikaner 1812 die britische Kolonie an, konnten aber
von den Kanadiern zurückgedrängt werden. Dieser Erfolg steigerte das
Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der britischen Kolonie Kanada. Die Grenze
zur USA wurde 1818 entlang des 49. Grades nördlicher Breite festgelegt. In
der Folgezeit stieg die Zahl der Einwanderer aus Großbritannien, während die
Immigration aus den USA langsam abnahm. Auch zahlreiche Russen, Italiener und
Deutsche kamen ins Land, so dass die Gesamtbevölkerung stark anstieg. In den
vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam es zu verstärkten Forderungen
nach Autonomie. Großbritannien erließ daraufhin ein Gesetz, durch das Kanada
eine neue innere Ordnung erhielt und Ober- und Unterkanada zusammengeschlossen
wurden.
7.5. Innere
Autonomie und Expansion
Nachdem der Wunsch nach Vereinigung aller britischen Kolonien in
Kanada immer stärker wurde, fand 1864 die erste Konferenz von Abgesandten aller
britischen Provinzen in Nordamerika statt. Föderationsverhandlungen führten am
1. Juli 1867 zur Verabschiedung eines Gesetzes (British North America Act),
das Kanada als Bundesstaat (Dominion of Canada) mit voller innerer Autonomie
proklamierte. Er setzte sich aus den Provinzen Ontario und Quebec (dem
ehemaligen Ober- und Unterkanada) sowie Nova Scotia und New Brunswick zusammen.
Nur wenige Jahre später schlossen sich Manitoba (1870), British Columbia (1871)
und Prince Edward Island (1873) an. Hauptstadt des Bundesstaates wurde Ottawa,
und John A. Macdonald von der Konservativen Partei wurde erster
Premierminister. Das ausgedehnte Gebiet war überwiegend ländlich geprägt; mit
Montreal, Quebec und Toronto gab es nur drei größere Städte. Die einzelnen
Provinzen wurden durch etwa 4 200 Kilometer Bahnstrecke miteinander
verbunden. 1869 konnte das Staatsgebiet nach Westen vergrößert werden, da die
Hudson’s Bay Company ihr Territorium an Kanada abtrat. Auf diesem wurden
später die Provinzen Alberta und Saskatchewan sowie das Yukon Territory und die
Northwest Territories gegründet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts traten
Alberta und Saskatchewan der Dominion of Canada bei. Eine wichtige Rolle bei der
Erschließung der westlichen Provinzen spielte der verstärkt einsetzende
Eisenbahnbau. 1885 wurde die transkontinentale Canadian Pacific Railway fertig
gestellt. Dies gab der wirtschaftlichen Entwicklung Kanadas enormen Aufschwung.
Entlang der Bahnstrecke entstanden Siedlungen und Bergwerke. In der 1896
beginnenden Regierungszeit des Frankokanadiers Wilfrid Laurier von der Liberalen
Partei entstand auch durch Abbau der Zollschranken für britische Waren eine
engere Bindung zu Großbritannien. Verstärkte Einwanderung von Europäern
führte dazu, dass auch Westkanada immer dichter besiedelt wurde. Neue
Eisenbahnlinien wurden angelegt, eine davon führte in den Norden der Provinzen
Ontario und Quebec, wo Gold, Silber und andere Metalle entdeckt worden waren.
Der industrielle Aufschwung führte auch zu einer verstärkten Urbanisierung.
Der Anteil der Stadtbevölkerung nahm zu, damit aber auch die Entstehung von
Armenvierteln und die Verbreitung von Krankheiten. In der kanadischen
Bevölkerung wuchsen die Forderungen nach sozialen Reformen. Darüber hinaus
entwickelte sich Widerstand gegen die zunehmende Einwanderung aus Europa, vor
allem aus dem slawischen Raum. Die Unzufriedenheit weiter Teile der kanadischen
Bevölkerung, verbunden mit dem wieder aufkeimenden Streben nach Unabhängigkeit
seitens der Frankokanadier, zwang Laurier 1911 zum Abdanken.
7.6. Kanada
zur Zeit der Weltkriege
Unter dem neuen Premierminister Robert L. Borden (1911-1920)
beteiligte sich Kanada aufseiten der Alliierten aktiv am 1. Weltkrieg. Die
erfolgreiche Kriegsteilnahme verschaffte dem Land internationales Ansehen und
steigerte das Streben der Kanadier nach vollständiger nationaler
Unabhängigkeit. Nach dem Krieg erholte sich Kanada rasch von den
wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die von hohen Inflationsraten und
Produktionsrückgängen gekennzeichnet und 1919 von einem Generalstreik in
Winnipeg begleitet waren. Nach dem Sieg der Liberalen Partei bei den
Parlamentswahlen von 1921 wurde William L. Mackenzie King Premierminister.
Er verstärkte die Politik der Souveränität Kanadas. Im Statut von Westminster
wurde 1931 die Unterordnung des kanadischen Parlaments unter britische
Institutionen endgültig beseitigt, und das Land erhielt die völlige staatliche
Unabhängigkeit. Die Weltwirtschaftskrise beendete die Phase wirtschaftlicher
Stabilität der zwanziger Jahre. Die Rohstoff- und Nahrungsmittelexporte gingen
drastisch zurück, was das extrem ausfuhrabhängige Land in große
Schwierigkeiten brachte. Die Krise führte zu Spannungen zwischen den englisch-
und französischsprachigen Bevölkerungsgruppen sowie zwischen der
Bundesregierung und den einzelnen Provinzen. Bei den Parlamentswahlen von 1931
setzte sich der Spitzenkandidat der Konservativen Partei, Richard
B. Bennett, durch. Während seiner Regierungszeit erhielten die Provinzen
umfangreiche finanzielle Zuwendungen. Außerdem versuchte er, durch soziale
Reformen wie Arbeitslosenunterstützung die Lebensbedingungen der Bewohner zu
verbessern. Obwohl diese Maßnahmen durchaus erfolgreich waren, wurde er
abgewählt und William L. Mackenzie King 1935 erneut Premierminister. 1939
erklärte Kanada dem Deutschen Reich den Krieg und trat in den 2. Weltkrieg
ein. Eine kanadische Armee beteiligte sich an militärischen Operationen in
Europa.
7.7. Nachkriegszeit
Der Krieg hatte die internationale Position des Landes gestärkt;
es war Gründungsmitglied der UN (United Nations: Vereinte Nationen) und
NATO (North Atlantic Treaty Organization: Nordatlantikpakt).
Innenpolitisch traten zu dieser Zeit wichtige soziale Neuerungen wie
Arbeitslosen- und Rentenversicherung in Kraft. Zur Ankurbelung der Wirtschaft
wurden Handelsbarrieren abgebaut, woraufhin der Außenhandel florierte. Nach dem
Rücktritt Mackenzie Kings wurde Louis S. Saint Laurent von der Liberalen
Partei 1948 zu dessen Nachfolger gewählt. 1949 trat Neufundland dem Bundesstaat
Kanada bei. In den Jahrzehnten nach dem Ende des 2. Weltkrieges hielt die
Entwicklung Kanadas zu einem modernen Industriestaat an. Gegen Ende der
vierziger Jahre wurden in Alberta und Quebec weitere Erdölfelder und in Ontario
ergiebige Uranvorkommen entdeckt. Neue Industriezweige entstanden, und
zahlreiche Wasserkraftwerke wurden errichtet. 1949 wurde mit dem Bau des
Trans-Canada Highways begonnen. Die Bevölkerung nahm durch hohe Geburtenraten
und starke Einwanderung aus Europa, vor allem aus Großbritannien, zu.
Außenpolitisch konnte sich Kanada nicht dem steigenden politischen,
wirtschaftlichen und militärischen Einfluss der USA entziehen.
Die 22-jährige Regierungszeit der Liberalen endete 1957 mit dem
Amtsantritt des konservativen Premierministers John G. Diefenbaker. Die
folgenden Jahre waren gekennzeichnet von wachsender Kritik am bestehenden System
der sozialen Sicherheit, das vielen Kanadiern nicht ausreichend erschien.
Größtes innenpolitisches Problem war das Wiederaufleben separatistischer
Bewegungen bei Frankokanadiern, die sich durch das Verfassungssystem
benachteiligt sahen und nach Autonomie strebten. Die erfolglose Amtszeit
Diefenbakers endete 1963, als ihn der Liberale Lester B. Pearson im Amt
ablöste. Während seiner Regierungszeit wurden grundlegende Fortschritte im
Gesundheitssystem erzielt. Außerdem wurden Quebec und anderen Provinzen ein
größeres Mitspracherecht bei nationalen Angelegenheiten eingeräumt. Dadurch
konnte jedoch die 1968 erfolgte Gründung der Parti Québécois durch
nationalistisch orientierte Politiker in Quebec nicht verhindert werden.
7.8. Die
Ära Trudeau
Im selben Jahr wurde der Frankokanadier Pierre E. Trudeau
Vorsitzender der Liberalen Partei und damit Premierminister. Er bestimmte die
kanadische Politik während der nächsten 16 Jahre, mit einer einjährigen
Unterbrechung (1979/80), als der Konservative Joseph Clark kurzzeitig das Amt
innehatte. Trudeau setzte sich massiv für die kanadische Einheit und gegen
nationalistische und separatistische Strömungen ein. 1969 wurde die
Zweisprachigkeit gesetzlich verankert, was einen wichtigen Schritt in Richtung
Chancengleichheit zwischen Anglo- und Frankokandiern bedeutete. In den siebziger
Jahren verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum, aber im sozialen Bereich
wurden wichtige Fortschritte erzielt. Trudeau verfocht eine liberale
Einwanderungspolitik, was zur Immigration zahlreicher Menschen aus Lateinamerika
und Asien führte und seinem Ziel einer ethnischen und kulturellen Vielfalt
innerhalb Kanadas entsprach. Trotzdem nahmen die Autonomiebestrebungen von
Frankokanadiern in der Provinz Quebec zu, und extremistische Splittergruppen
verübten Attentate auf Politiker, die sich für die Einheit des Landes
einsetzten. Nach der Ermordung eines Ministers der Provinzregierung durch
frankokanadische Separatisten wurde 1970 kurzzeitig der Ausnahmezustand
verhängt. 1976 errang die Parti Québécois bei Regionalwahlen in Quebec die
absolute Mehrheit. In einem 1980 abgehaltenen Referendum lehnte die Bevölkerung
der Provinz den Austritt Quebecs aus dem kanadischen Staatsverband ab. Durch
eine Verfassungsreform wurde die vorher umstrittene Kompetenzverteilung zwischen
der Bundesregierung und den einzelnen Provinzen 1982 neu geregelt. Die
wirtschaftliche Rezession der frühen achtziger Jahre führte in Kanda zu hohen
Arbeitslosen- und Inflationsraten, Produktionsrückgängen und wachsenden
Haushaltsdefiziten. Die Popularität des Premierministers Trudeau sank, und 1984
trat er vorzeitig von seinem Amt zurück.
7.9. Kanadas
jüngste Entwicklung
Nach den Parlamentswahlen von 1984 übernahm Brian Mulroney von
der Konservativen Partei das Amt des Premierministers. Er versuchte, die
wirtschaftlichen Probleme durch gezielte Investitionen bei gleichzeitigen
Einschnitten im Sozialbereich zu lösen. 1988 wurde mit den USA ein
Freihandelsabkommen unterzeichnet, durch das der bilaterale Warenaustausch
gefördert werden sollte. Den Indianern und Eskimo wurde das Recht auf
Selbstverwaltung zugesichert, und weite Teile der Northwest Territories wurden
ihnen überschrieben. Nach Ablehnung einer von ihm geplanten Verfassungsreform
trat Mulroney 1993 zurück. Bei den folgenden Parlamentswahlen errang die
Liberale Partei einen klaren Sieg, und Jean Chrétien wurde im November 1993
Premierminister. Am 1. Januar 1994 wurde die NAFTA (North American
Free-Trade Area: Nordamerikanische Freihandelszone) gegründet, der Kanada,
die USA und Mexiko angehören. Bei den Wahlen in Quebec setzte sich im September
1994 die separatistische Parti Québécois durch. Das von ihr seit langer Zeit
angestrebte Referendum über die Abspaltung der Provinz von Kanada fand am
30. Oktober 1995 statt: Mit knapper Mehrheit setzten sich die Befürworter
der Beibehaltung des Status quo durch. Im März 1996 kam es zu
Auseinandersetzungen zwischen Kanada und den USA über die Lachsfangquoten vor
der Küste Alaskas.
Bei den um 18 Monate vorgezogenen Wahlen zum kanadischen
Unterhaus am 2. Juni 1997 konnte die regierende Liberale Partei von
Premierminister Jean Chrétien ihre absolute Mehrheit in dem um sechs Sitze
erweiterten Unterhaus nur knapp verteidigen. Sie gewann mit 38,5 Prozent
der abgegebenen Stimmen 155 der 301 Sitze und damit 19 Mandate weniger
als bei den letzten Parlamentswahlen. Der separatistische Bloc Québécois
verlor sechs der bislang 50 Parlamentsmandate und wurde als führende
Oppositionspartei von der Reformpartei abgelöst, die 60 Sitze gewann. Die
Neuen Demokraten stellen 22 statt bisher neun Abgeordnete. Die seit 1994 nur mit
zwei Mandaten vertretenen ehemalig regierenden Konservativen erhielten
21 Mandate.
Ende Juni 1997 eskalierte die mit den USA geführte
Auseinandersetzung über die Aufteilung der Lachsfangquoten vor der
nordamerikanischen Westküste in mehreren Zwischenfällen. Dabei wurden
z. B. Fangschiffe einige Tage lang am Auslaufen gehindert. Nachdem beide
Seite weitere Maßnahmen angekündigt hatten, drängte Kanada auf einen
Schiedsspruch durch den Internationalen Gerichtshof in Den Haag, dessen
Gültigkeit jedoch von den Vereinigten Staaten nicht anerkannt wurde.
Im September 1997 unterzeichneten die Regierungschefs von neun
der zehn kanadischen Provinzen einen „Aufruf zur Erhaltung der Einheit".
Diese Deklaration betont die Gleichheit der Provinzen, gesteht Quebec jedoch
seinen „einzigartigen Charakter" zu. Am 20. August 1998 wurde
bekannt, dass das Oberste Gericht Kanadas eine einseitige Unabhängigkeit der
französischsprachigen Provinz Quebec abgelehnt hatte. Danach kann die Provinz
weder nach internationalem Recht noch nach Landesrecht einseitig die
Unabhängigkeit erklären. Voraussetzung dafür wären Verhandlungen mit der
Regierung, eine Änderung der Verfassung sowie die mehrheitliche Zustimmung bei
einer Volksabstimmung. Das Urteil wurde sowohl von der Regierung Kanadas als
auch von der Regierung Quebecs mit Zustimmung aufgenommen.
Im Februar 1999 wählten die Einwohner der mehrheitlich von Inuit
bewohnten Region Nunavut, eines Gebiets in den Northwest Territories, ein
eigenes Parlament. Seit dem 1. April 1999 verfügen die Bewohner des
Nunavut-Territoriums somit u. a. über das Recht, die Förderung der
Bodenschätze in ihrem Gebiet selbständig zu organisieren.
Im Juni 1999 beendeten Kanada und die USA die als „Lachskrieg"
bezeichnete Auseinandersetzung um von Fischern beider Staaten bewirtschaftete
Fanggründe in den Küstengewässern vor Alaska, British Columbia, Washington
und Oregon.
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